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Vor einigen Wochen ging ich am Mittag frustriert ins Lehrerzimmer. Ein Grossteil der Schülerinnen und Schüler ohne Hausaufgaben, das Unterrichtsmaterial nicht dabei, eine Schlägerei während dem Unterricht und eine Menge zirkulierender Notizzettel. Statt Wissen zu vermitteln, verbrachte ich den Morgen damit, die Kinder zu ermächtigen, ihre Probleme zu lösen und meinen Frust unter Kontrolle zu halten. Dies entspricht nicht meinen Traumvorstellungen von Arbeit, denn was ich mache, will ich leidenschaftlich tun.

Gemeinsam mit Freunden setzte ich deshalb in den darauffolgenden Tagen himmlische Lösungen und Ideen frei. Und diese kamen, wenn auch nicht wie geplant…

Aufgrund eines Unfalls konnte ich meine Arbeit nur noch mit dem linken Arm erledigen, was für Wandtafelbeschriftungen nicht immer geeignet ist. Deshalb suchte ich mir eine Assistentin. Bevor ich diese auswählte, besprachen wir in der Klasse gemeinsam, wie man sich bei diesem Job korrekt verhält. Gemeldet hat sich eine Schülerin, die sich seit vielen Wochen extrem auffällig verhält und die Schule nur noch zu Unterhaltungszwecken besucht. Sie war sich sicher, dass sie diese Aufgabe als Assistentin gut erfüllen könne. Deshalb wollte ich ihr die Möglichkeit geben, wieder einmal positiv aufzufallen. Zum Erstaunen der ganzen Klasse, erledigte sie ihre Aufgabe perfekt. Dies löste eine ganze Kettenreaktion von Ereignissen aus. Da sie oft die Drahtzieherin von Unruhen ist, waren diese kaum mehr vorhanden oder konnten im Keim erstickt werden. Die ganze Klasse war konzentriert am Arbeiten, so dass ich individuell auf die Schülerinnen und Schüler eingehen konnte. Und alle waren am Ende der Lektion fähig, die Aufgaben selbständig zu lösen.

Doch die himmlischen Lösungen zeigten sich nicht nur bei der Klasse. Auch bei mir persönlich fand in diesen Wochen eine Veränderung statt. Das negative Verhalten dieser Klasse brachte mich vorher so weit, dass ich zwischendurch laut wurde, was ich bei mir bisher nicht kannte. Aber teilweise war es das Einzige, was noch Wirkung zeigte. Mittlerweile bin ich so gelassen, dass ich sogar 10 Minuten warten kann, bis die Schülerinnen und Schüler wieder lernbereit sind. Ein Schulsozialarbeiter, der die Klasse manchmal beobachtet und ihnen anschliessend ein Feedback gibt, kam am Ende einer Lektion sogar auf mich zu und sagte, es sei ein Wunder, dass ich unter solchen Arbeitsbedingungen so gelassen und aufgestellt bleiben könne.

Ja, es sind kleine Wunder und sie machen den Arbeitsplatz zu einem Ort der Freude. Ich bin gespannt, welche Wunder ich mit dieser Klasse auch im nächsten Schuljahr erleben werde.

Sara Denzler arbeitet als Primarlehrerin und schulische Heilpädagogin. Ihr Herz brennt dafür, Kinder zu ermutigen, zu fördern und in ihren Begabungen freizusetzen. Anfang 2015 erschien ihr erstes Kinderbuch „Das Geheimnis von Amo“.